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Selbsterkenntnis: Der Adler, der nicht fliegen wollte

Die Geschichte vom Adler und den Hühnern zeigt uns, dass der Weg der Selbsterkenntnis unter Umständen mühselig sein kann, aber nicht unmöglich ist. Trotz all unserer bisherigen Erfahrungen und Entwicklungen ist es uns mit ein wenig Unterstützung, einer klaren Zielsetzung und viel Mut möglich, das zu erreichen, was uns zusteht: Unser Wahres Ich zu werden. Die Geschichte lautet wie folgt…

Es war einmal ein Farmer, der ein verlassenes Adlerei fand. Er nahm es mit nach Hause auf seinen Hof und legte es dort in das Nest einer seiner Hühner. Wenige Tage später schlüpfte der kleine Adler mit all den anderen Küken. Er wuchs zusammen mit ihnen auf. Später kratzte er in der Erde nach Würmern und gackerte dabei. Er gab auch ihm Hühnerfutter zu fressen, obwohl er doch ein Adler war, ein König der Lüfte!

Ab und zu hob der Adler einen Flügel und flog ein Stück – genau wie die anderen Küken. Er lebte ein zufriedenes und scheinbar glückliches Leben als „Huhn“. Niemand hatte ihm vorgelebt, als der zu leben, der er eigentlich war: ein Adler.


Nach einigen Jahren kam ein Naturforscher zu Besuch. Er erblickte den Adler und rief aus: „Aber das ist doch kein Huhn dort, das ist ein Adler!“

„Stimmt.“, sagte der Mann, „Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn, auch wenn er eine Flügelspanne von drei Metern hat.

„Oh nein“, sprach da der Forscher. „Er ist noch immer ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers. Und das wird ihn hoch hinausfliegen lassen in die Lüfte.“

Der Mann aber schüttelte den Kopf: „Nein, er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird niemals fliegen.“

Die beiden Männer beschlossen, es auszuprobieren. Der Forscher ließ den Adler auf seinen Arm springen und sagte zu ihm: „Du, der du ein Adler bist, der du in den Himmel gehörst und nicht auf die Erde: breite deine Schwingen aus und fliege!“

Der Adler saß auf dem gestreckten Arm des Forschers und blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken und sprang zu ihnen hinunter.

Der Mann lachte und sagte: „Wie ich es sagte: er ist jetzt ein Huhn.“

„Nein“, sagte der andere, „er ist ein Adler. Versuche es morgen noch einmal.“

Am nächsten Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: „Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!“ Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hofe erblickte, sprang er abermals zu ihnen hinunter und scharrte mit ihnen.

Da sagte der Mann wieder: „Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn.“

Doch der Forscher schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, er ist ein Adler und er hat noch immer das Herz eines Adlers. Lass’ es uns noch ein einziges Mal versuchen; morgen werde ich ihn fliegen lassen.“

Am nächsten Morgen stand der Forscher früh auf, nahm den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt, weit weg von den Häusern in das Gebirge. Er ließ den Adler wieder auf seinem Arm sitzen und hob den Arm hoch: „Du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel und auf die Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!“

Der Adler blickte umher und zitterte, als erfülle ihn neues Leben, aber er flog nicht.

Die aufgehende Sonne spiegelte sich auf den mit Schnee bedeckten Berggipfeln und das gleißende Licht erweckte ein tiefes Verlangen in dem jungen Adler. Er blinzelte und staunte, als er weit unter sich das Tal und auch den Hühnerhof erblickte.

„Das ist ja mein Hof..!“, dachte er sich. „Wie klein er doch ist!“ Er war sehr verwundert und erfüllt von einer bekannten Sehnsucht. „Es muss mehr geben, das weiß ich!“, rief er.

Schon bald ertönte über ihm ein lautes Kreischen und das Geräusch des Windes in den weit ausgebreiteten Schwingen eines großen Adlers. „Adler, wie schön, dass Du hier bist!“, rief der große Adler laut. „Komm, fliege nun! Fliege in Deine Freiheit!“ Schwupps stieß der große Adler den jungen Adler an.

„Ich falle, ich falle!“, schrie der junge Adler voller Panik und wusste sich mit seinen Flügeln nicht zu helfen. Kurz vor einem unsanften Aufprall auf dem Boden stürzte sich der große Adler unter ihn, breitete seine schützenden Schwingen aus und trug ihn wieder auf die Bergspitze.


„Vertraue, mein Freund. Ich lehre dich das Fliegen. Bald wirst du meine Hilfe nicht mehr benötigen und selbst fliegen können!“ Mit diesen Worten warf er ihn wieder hinunter, breitete unter ihm seine eigenen Flügel aus und trug ihn wieder zurück auf den Berg. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male und der junge Adler lernte, dem erfahrenen Adler zu vertrauen.

Plötzlich spürte er den auftreibenden Wind in seinen mittlerweile starken Flügel, nutzte mutig die Spannbreite seiner fantastischen Schwingen, breitete sie vollständig aus und stieß sich im Aufwind in die Höhe.

Er war ein Adler, obwohl er wie ein Huhn aufgezogen und gezähmt worden war!

Die Orginalgeschichte stammt aus dem Buch von James Aggrey mit dem gleichnamigen Titel.

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